"Die Pandemie ist ein Weckruf für die Unternehmen."

Wenn Effizienzmaximierung zum Risikofaktor wird

Fulda (ots) - Professor Dr. Michael Huth vom Fachbereich Wirtschaft der Hochschule Fulda hat für den Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik (BME) untersucht, wie Unternehmen für Situationen wie die Covid-19-Pandemie gerüstet sind. Die nun erschienene Studie zeigt: Single Sourcing und zu schlanke Wertschöpfungsketten sind Risikofaktoren, die nicht unterschätzt werden dürfen.

- "Viele Unternehmen sind auf Risiken nicht oder nur unzureichend vorbereitet", warnt Professor Dr. Michael Huth vom Fachbereich Wirtschaft der Hochschule Fulda.
- Lean Management und Single Sourcing auszureizen, macht Unternehmen anfällig für Krisen.
- Schon einfache Methoden wie Checklisten für den Ernstfall machen den entscheidenden Unterschied. Webcams sind ausverkauft, Medikamente können nicht geliefert werden und die medizinische Versorgung strauchelt: Wie leicht sich unsere Lieferketten empfindlich treffen lassen, wenn die Welt in eine Krise gerät, wurde in den vergangenen Monaten an vielen Stellen sichtbar. Professor Dr. Michael Huth vom Fachbereich Wirtschaft der Hochschule Fulda ist spezialisiert auf Supply-Chain- und Risikomanagement. Gemeinsam mit dem Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik (BME) hat er Anfang November die Studie zur BME-Logistikumfrage 2020 herausgegeben. Darin wurden Unternehmen deutschlandweit befragt, wie gut sie auf Krisen wie die derzeitige Pandemie vorbereitet sind.

Das Ergebnis: Risikomanagement wird in vielen Unternehmen systematisch vernachlässigt. "Das Mindset, also die Kultur für Risikomanagement, ist in Unternehmen oftmals nicht vorhanden", sagt Professor Dr. Michael Huth. "Auch wenn Risikomanagement gesetzlich vorgeschrieben ist, sagt das nichts darüber aus, in welchem Ausmaß es betrieben wird. Man kann mit sehr wenigen Aktivitäten die regulatorischen Anforderungen erfüllen." Das führe dazu, dass die Unternehmen im Ernstfall wie im Frühjahr des Jahres nur noch reagieren statt proaktiv handeln können. "Dieses reaktive Verhalten erfordert Feuerwehreinsätze, die in der Regel mit einem hohen personellen und finanziellen Aufwand einhergehen", erklärt Huth. "Wenn ich vorbereitet bin, habe ich möglicherweise ein Extralager. Ich habe einen zweiten Lieferanten. Ich habe einen Workflow und kann bedacht handeln."

Lean Management und Single Sourcing als Fallstricke

Die Gründe für das mangelnde Risikomanagement: "Unternehmen sehen die Extrakosten: Personalaufwand, größere Lagerbestände. Im Idealfall sind das Posten ohne direkten Nutzen. Diese wollen sie vermeiden, denn sie stehen im Widerspruch zu der Entwicklung, die wir in den vergangenen Jahren beobachten, nämlich dem Wunsch, die Wertschöpfungsketten so schlank wie möglich zu halten."

Doch die Effizienzmaximierung habe Grenzen. Werden die überschritten, positionieren sich Unternehmer unmittelbar in der Kette der fallenden Dominosteine, wenn es zu Lieferschwierigkeiten kommt. Lean Management und der Fokus auf Single Sourcing würden im Ernstfall zu Fallstricken.

Die Lücke zwischen Wissen und Umsetzung ist groß

Die Covid-19-Pandemie treffe die Welt zweifelslos hart. Aber es sei eine Situation, auf die sich Unternehmen hätten vorbereiten können: "Tatsächlich gab es in den vergangenen 20 Jahren fünf oder sechs globale Pandemien." Im Jahr 2012 sei sogar eine Risikoanalyse der Bundesregierung durchgeführt worden, die eine solche Pandemie zur Grundlage nahm. "Wenn man sich die Ergebnisse anschaut, sieht man doch eine große Deckung zwischen dem, was wir im Moment erleben und dem, was damals erarbeitet wurde." Die Lücke zwischen dem vorhandenen Wissen und der tatsächlichen Umsetzung sei nach wie vor groß.

Die Studie gebe daher umfassende Handlungsempfehlungen. "Der erste Schritt ist simpel: ein Risikomanagement einzuführen." Der zweite Schritt beziehe sich auf das Wie, also die konkreten Methoden. "Das können ganz einfache Methoden sein wie eine Checkliste zur Risikoidentifikation. Deutlich komplexer sind Simulationsmethoden, mit denen ich komplexe Systeme wie eine Supply Chain durchspiele. Die Ergebnisse einer solchen Simulation tragen dazu bei, die Risiken bewerten zu können."

Huth verweist dafür auch auf den bereits 2016 entwickelten Methodenkoffer und plädiert dafür, die Pandemie als Weckruf zu verstehen. Den Transfer zwischen Wissenschaft und Wirtschaft auszubauen, sei eine Chance, die sich aus der Krise ergebe: "Jetzt ist es an der Zeit, zu handeln."

Weitere Informationen:

Details zur Studie und den Wert eines durchdachten Risikomanagements erläutert Professor Dr. Michael Huth auch im Forschungspodcast der Hochschule Fulda "Gesprächsstoff". Die komplette Episode hören Sie hier (https://anchor.fm/hochschule-fulda/embed/episodes/Gesprchsstoff-015--Supply-Chains---Die-Krux-mit-der-Prvention-emkqms).

Die Studie zur BME-Logistikumfrage 2020 mit Handlungsempfehlungen ist hier (https://www.bme.de/fileadmin/user_upload/_imported/fileadmin/Bilder_NL/BME_Leitfaden_Supply_Chain_RM_Web.pdf) einsehbar.

Weitere Infos zum Methodenkoffer gibt es hier. (https://fuldok.hs-fulda.de/opus4/frontdoor/deliver/index/docId/653/file/Discussion+Paper+No+19+RIMA-KIL+Abschlussbericht.pdf)

Pressekontakt:



Wissenschaftlicher Kontakt:
Prof. Dr. Michael Huth
Fachbereich Wirtschaft
Hochschule Fulda
E-Mail: michael.huth@w.hs-fulda.de

Pressestelle:
Dr. Antje Mohr
Hochschule Fulda
E-Mail: antje.mohr@verw.hs-fulda.de
Telefon: 0661 9640-1050


Original-Content von: Hochschule Fulda, übermittelt durch news aktuell

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